{"id":1312,"date":"2020-05-10T13:55:26","date_gmt":"2020-05-10T11:55:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.walross-gelandet.de\/?p=1312"},"modified":"2020-05-13T02:53:06","modified_gmt":"2020-05-13T00:53:06","slug":"back-to-the-boots-wenn-der-ball-den-fuss-spielt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.walross-gelandet.de\/?p=1312","title":{"rendered":"Back to the Boots &#8211; wenn der Geist den Schein spielt"},"content":{"rendered":"<p>Ein neues Sommerm\u00e4rchen droht. Das alte ist vor wenigen Tagen in der f\u00fcr aufrichtige Justiz, Transparenz und Minderheitenschutz bekannten Schweiz, dank v\u00f6llig unerwartet, sozusagen urpl\u00f6tzlich eingetretener Verj\u00e4hrung abgepfiffen worden. Alleine der Prozess habe aber Spuren hinterlassen, so habe man mindestens einen niedrigen, zweistelligen Betrag verloren. Dieser sei aber mittlerweile durch Staatshilfen refinanziert, trillert die um einen falschen Zwanziger erleichterte Pfeife Niersbach.<\/p>\n<p>Man sei Bestechung bisher nur aus dem Spiel- und Schiedsrichterbetrieb gewohnt. Daraus seien Verm\u00f6gen resultiert, die &#8211; wie bei seinem Freund Mohamed in Hamham &#8211; eine Bestechung im administrativen Bereich, die summiert bestenfalls als Peanuts durchginge, v\u00f6llig unglaublich machen. Man habe schlie\u00dflich Moral, zumindest bei derart niedrigen Betr\u00e4gen. &#8222;Und ob der Ball die Streif runtergekickt wird oder in der W\u00fcste hinter einer D\u00fcne verschwindet ist doch letztlich egal&#8220;, gibt der nun endg\u00fcltig unantastbare Tenno Franz aus Kitzb\u00fchl zu bedenken. &#8222;Beim Golf w\u00e4ren solche Schikanen ein besondere Kick und gerade um den Kick muss es hier doch gehen&#8220;.<\/p>\n<p>So sehen wir den Ball, nach dessen Vorbild die Erde dereinst von Senior-Coach H. Gott geschaffen wurde schon wieder unruhig auf dem sturmgef\u00f6hnten Rasen liegen. P\u00fcnktlich zur Wiederer\u00f6ffnung der deutschen Friseursalons darf nun auch das exclusive Gr\u00fcn auf den von der DFL vorgeschriebenen Facon-Kurzschnitt &#8211; 25 bis 28 Millimeter &#8211; idealerweise mit coronafreien M\u00e4hrobotern geschert werden. So bleiben nur noch Tage bis die Profis wieder Ansto\u00df am Ball nehmen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Mannschaften werden zwei mal w\u00f6chentlich abgestrichen &#8211; beim FC Bayern M\u00fcnchen kann man sich sogar zwei mal t\u00e4gliche Abstriche leisten &#8211; um eine Ausbreitung der Seuche in den Mannschaften zu verhindern. Die Spieler aller erst- und zweitklassigen Mannschaften werden f\u00fcr die Dauer der sog. finalen Geisterspielsaison in einem exclusiven Hotel einquarant\u00e4nisiert, was den Umgang mit Familien und Freunden limitiert, aber noch wichtiger: Begegnungen mit Fans und sogenannten Normalb\u00fcrgern rigoros unterbinden l\u00e4sst. Zus\u00e4tzlich, so f\u00fchrt DFB Pr\u00e4sident Keller aus, &#8222;haben wir unsere Athleten der ersten beiden Ligen auch mit einem t\u00e4glichen prophylaktischen Antibiotika-Cocktail ausgestattet&#8220;. Man kn\u00fcpfe damit an die nachweislich guten erfolge in der Massentierhaltung an. Vor Dopingkontrollen habe man keine Angst weil Kontrollen beim Fu\u00dfball selten w\u00e4ren und die T\u00fcrsteher am Vereinsheim angewiesen seien, jeden unbekannten Besucher mehrfach anzuhusten. So l\u00f6st sich das Proben-Problem sp\u00e4testens nach 14 Tagen.<\/p>\n<p>Problematisch f\u00fcr den Saison-Ablauf erscheint allerdings die Ungleichbehandlung der Profis durch die Gesundheits\u00e4mter, so DFL-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Seifert. Wegen ein paar positiven Tests sei nun \u00fcber die ganze Dynamo-Mannschaft eine 14-t\u00e4gige h\u00e4usliche Quarant\u00e4ne verh\u00e4ngt worden. Man h\u00e4tte die Quarant\u00e4ne ja auch ins Stadion verlegen k\u00f6nnen. Und: Es sei doch logisch, dass bei den Mannschaften mehr gefunden werde, wenn man so oft testet, w\u00e4hrend der Normalb\u00fcrger mehrheitlich ungetestet und ballfrei herumlaufe. Da m\u00fcssen die \u00fcberzogenen Restriktionen gegen die Volltestprofis doch wenigstens mit Augenma\u00df wegfinanzierbar gemacht werden k\u00f6nnen. Man will sich der Verantwortung ja nicht entziehen, aber wenn das alles so schlimm w\u00e4re, m\u00fcsste man ja auch Ausgangsverbote verh\u00e4ngen, Schulen schlie\u00dfen und am besten auch noch eine Mundschutzpflicht verh\u00e4ngen. Davon habe man im Kicker aber noch nichts gelesen.<\/p>\n<p>So werden Sie den Ball allen Ernstes, weil lustig ist das ja nun wirklich nicht, vor leeren R\u00e4ngen rollen lassen und mit ihren Testocoron-legalisierten K\u00f6rpern \u00fcber das Spielfeld dribbeln. Einige zeitgem\u00e4\u00dfe Neuerungen sind dabei aber zu beachten:<\/p>\n<ul>\n<li>Eine DFL-App gibt dem Videoassistenten ein Zeichen, wenn zwischen zwei Spielern der Mindestabstand von 1,50 Metern unterschritten wird, woraufhin der Fernberatungsberufene dem Referee per YouTube ein Faul signalisiert. Der Unparteiische kann dann zwischen &#8222;Platzvorteil mit Weiterspielen&#8220; oder &#8222;Spielunterbrechung mit gelber Karte&#8220; w\u00e4hlen. Die Gelbe Karte ist unproblematisch, da diese bereist bisher kontaktlos vorgehalten wurde, beim Weiterspielen werden die Kontrahenten durch Zuruf verwarnt und m\u00fcssen ab der n\u00e4chsten Spielunterbrechung einen Mundschutz tragen.<\/li>\n<li>Umstellen mindestens drei Spieler einen Gegner so eng, dass dieser sich nur mit einem Faul befreien k\u00f6nnte, so gilt dies als &#8222;Sperren ohne Ball&#8220;. Das Spiel darf dann erst fortgesetzt werden, wenn sich alle Beteiligten einem sofort durchzuf\u00fchrenden Corona-Schnelltest unterzogen haben. Wer positiv ist geht mit roter Karte vom Feld.<\/li>\n<li>Der Torjubel wird &#8211; wie vorab einstudiert &#8211; vor einer f\u00fcr jeden einzelnen Spieler individuell eingerichteten Kamera absolviert, je nach Talent auf den Knien rutschend, sich selbst umarmend, s\u00e4gepantomimisch oder vielverhei\u00dfend ins plastikgekapselte Gem\u00e4cht greifend. Einzig der Torsch\u00fctze selbst wird in einer Kurz-Schalte per Video mit drei Fans aus unterschiedlichen Stadtteilen verbunden, die ihm in je 3 Sekunden ein Lob zuschreien d\u00fcrfen. \u00dcber die Stadionanlage wird zur Betonung des emotionalen Moments wahlweise einer der situationskonform angepassten Hits &#8222;My Chorona&#8220;, &#8222;Hey Quarantena&#8220; oder &#8222;Verdammt ich krieg Dich, ich krieg Dich nicht&#8220; eingespielt.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Durch diese mit Bedacht und Zehenspitzengef\u00fchl eingef\u00fchrten Regelungen werden unsere Helden endlich wieder f\u00fcr die Zerstreuung sorgen k\u00f6nne, die jeder weggesperrte Fan heute vergeblich sucht, wenn er samsatgabends um 18 Uhr routiniert vom Sessel in Richtung Fernseher blickt. Statt werbetriefender sensationsgeheischter Sportschau zeigt man ihm heutzutage Non-Live-Games also sog. Tot-Spiele mit mehrheitlich bereits berenteten Star-Kickern zur Nachbetrachtung. Dazu sagt Herr F. aus Uss &#8222;au\u00dfer 11-Meter gegen England brauch ich keine Wiederholungen&#8220; und Herr B. aus All &#8222;die hatten damals schon einen Haarschnitt wie wir heute bei Corona&#8220;.<\/p>\n<p>In Analogie zu T\u00fcbingens gr\u00fcnem Oberb\u00fcrgermeister Boris Palmer wehrt sich der scheidende Vorstandsboss des FCB Rumenigge gegen Vorw\u00fcrfe, die Liga habe die Bodenhaftung verloren: &#8222;Wir spielen m\u00f6glicherweise f\u00fcr <span class=\"vm-hook-outer\"><span class=\"vm-hook\">Menschen<\/span><\/span>, die in einem halben Jahr sowieso tot sind&#8220;. Das ist echtes Engagement. &#8222;Diese Leute sind mittelfristig der wahre Fangeist&#8220;. Wer, wenn nicht der Fu\u00dfball sei in der Lage so viel Geld zu mobilisieren, dass unsere Wirtschaft wieder in Schwung kommt. &#8222;Ich denke da nur an die Wirtschaft bei mir um die Ecke. Bei denen hab ich &#8211; einfach so als Zeichen meiner Verbundenheit &#8211; ein Tipico Wettb\u00fcro im Raucherzimmer eingerichtet&#8220; sagt Rumenigges designierter Nachfolger Oliver Kahn. Respekt!<\/p>\n<p>&#8222;Ich k\u00f6nnte mir jede Woche ein Spiel meiner SAP-Elitetreter gegen die Leipziger Brausebuben von Mateschitz leisten&#8220; sagt Ditetmar Hopp, &#8222;aber wir denken ja an die Fans, die weniger wie wir auf dem Konto haben. Wer im Leben schon gegen uns verloren hat, der lernt bei jedem verlorenen Spiel seiner Heimatmannschaft gegen unsere Cash-Gauchos eben etwas f\u00fcrs Leben!&#8220;. &#8222;Un es is ja vui lustg\u00e4, wannd&#8217;sd siegst wia die lucknf\u00fcll\u00e4dn Schluck\u00e4 gega unsere gen-gepr\u00fcfdn Sprungstiere ani hupfm un statt wenigstns an Abstaub\u00e4 zu hol&#8217;n blo\u00df in Ballschani schkaniern&#8220; bullert der rote Ballsportbesitzer.<\/p>\n<p>So verstehen wir jetzt endlich: Geisterspiele f\u00fcr die Fans entwachsen dem wahrem Sportsgeist. Die Herren k\u00f6nnten ja auch zuhause sitzen bleiben und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Statt dessen m\u00fchen sich die professionellen Ballf\u00fc\u00dfler f\u00fcr uns auf den immergr\u00fcnen Rasen und lassen so die jeweiligen Vereins- und Medien-Aktion\u00e4re und sich selbst statt Gott einen reichen statt guten Mann werden. Spielen ohne Fans im Stadion: das schmutzt nicht, ist hygienisch unbedenklich, schont nachhaltig Adrenalin und Ohren und spart Polizei und Ordner und ist damit der sowieso bessere weil reine Fu\u00dfball. Die paar Bockwurstst\u00e4nde und das bisserl Bier, das nicht ausgegeben wird kann jeder Heimservice mit Fu\u00dfkuss \u00fcbernehmen &#8211; mit Club-Logo auf der Pommest\u00fcte, damit man wei\u00df wer am zustellenden Radlerando wirklich verdient.<\/p>\n<p>Die Grenze zwischen R\u00e4ngen und Feld ist nicht mehr Aschenbahn und Zaun sondern ehrlich und realit\u00e4tskonform ein undurchdringbar gestrickter, \u00fcberdimensionierter Fan-Schal aus Kapital, Ligapotentaten und kostenpflichtigem Cyberspace. Nur selten und kontrolliert, wie bei den Geissens, gew\u00e4hrt man dem sogenannten Fan nun noch Einblick in den sorgsam gestylten Leer-Arenen, deren Sponsor-Namen schon seit langem zeigen wer da drinnen was zu Sagen hat. Auf jedem Stuhl sitzt in Zukunft ein mietbarer Bildschirm-Avatar, der lachen, weinen, jubeln, singen und Werbebotschaften nachsprechen kann, garantiert pyrofrei weil ohne jedes Feuer im Chip. Nur noch enge Freunde der Spieler und Gewinner lustiger TV-SMS-Spiele d\u00fcrfen sich noch im Realitas-Bereich des Stadions tummeln, abgeschirmt von der VIP-Area der h\u00f6hnessenden Althinteren und sonstwie unlimitiert Bereicherten, die der Matth\u00e4us-Passion fr\u00f6nen und sich das Spiel von einem privaten Wei\u00dfbiermoderator live vornetzern lassen.<\/p>\n<p>Gedankenverloren philosophiert Dietmar Hopp: &#8222;Unsere Investitionen sind nur auf dem Rasen lukrativ, sie brauchen diese teuren Menschen und das ganze Tro\u00df-Gesox von Physio bis zum Rasenmann, k\u00f6nnte man da nicht mal etwas zukunftsf\u00e4higeres mit Software&#8230;&#8220; &#8211; &#8222;Gibt es schon&#8220; tr\u00f6stet ihn sein Freund Bill. &#8222;FIFA, Pro Evolution Soccer und Football Manager hab ich daheim. Das funktioniert so gut wie Internet-Porno, blo\u00df halt mit Hose. \u00dcbrigens da unten spielen Deine Jungs grade gegen 11 Hologramme von Dynamo, die haben wir als Ersatz f\u00fcr die CoViD-Erkrankten Dresden-Quarantilion\u00e4re eingespiegelt. Die Liga kann doch nur wegen kranken oder gar sterbenden Manschen nicht still stehen.&#8220;<\/p>\n<p>Zu Konrad Kochs Zeiten 1874 am Martino-Katharineum, einem Lyzeum f\u00fcr Oberschicht-Knaben in Braunschweig, spielte man die Englische Universit\u00e4ts-Sportart in der Oberprima auch ganz ohne Fans. Mit zunehmender gesellschaftlicher Akzeptanz wurde dann der Fu\u00dfballsport jener Jahre vorwiegend in b\u00fcrgerlichen Kreisen ausge\u00fcbt und galt als Modesportart des B\u00fcrgertums wie von Aufsteigern. Arbeiter verf\u00fcgten weder \u00fcber gen\u00fcgend Freizeit noch \u00fcber finanzielle Mittel f\u00fcr die Ausr\u00fcstung. Arbeitersport wurde Fu\u00dfball erst in der Weimarer Republik, als sich die Bevorfu\u00dfballung keiner mehr gefallen lie\u00df (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fu%C3%9Fball\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Wikipedia<\/a>).<\/p>\n<p>Heute d\u00fcrfen wir uns aufs Zuschauen aus der Distanz beschr\u00e4nken, pers\u00f6nlich zahlen, nebenwirkungsarm jubeln, im Interesse des Erhalts der \u00f6konomischen Millionen- und infektiologischen Mindest-Meter-Entfernung aber keinesfalls selbst spielen. Der Fu\u00dfball hat zu seinen Wurzeln zur\u00fcckgefunden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein neues Sommerm\u00e4rchen droht. Das alte ist vor wenigen Tagen in der f\u00fcr aufrichtige Justiz, Transparenz und Minderheitenschutz bekannten Schweiz, dank v\u00f6llig unerwartet, sozusagen urpl\u00f6tzlich eingetretener Verj\u00e4hrung abgepfiffen worden. 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